Wien und Rom im langen 19. Jahrhundert

Die Beziehungen zwischen Wien und Rom waren durch mehrere parallele und sich überlagernde Handlungsstränge geprägt. Das gilt sowohl für die Beziehungen zwischen der Habsburgermonarchie und dem Hl. Stuhl als auch in späterer Zeit mit dem Königreich Italien. Das Verhältnis zwischen der kaiserlichen Regierung und der römischen Kurie wurde ebenso wie die österreichisch-italienischen Beziehungen vor allem durch innenpolitische Probleme und Fragestellungen geprägt. Die politische Ideologie des Liberalismus belastete die Beziehungen zum Papsttum und aufgrund seiner deutschzentralistischen Ausrichtung auch das Verhältnis zum jungen italienischen Nationalstaat.

 

Das Ringen um eine Neupositionierung der katholischen Kirche in der Habsburgermonarchie

Die zeitliche Begrenzung des Untersuchungszeitraums ergibt sich durch zwei Daten aus den internationalen Beziehungen: Wiener Kongress 1814/15 und Berliner Kongress 1878. Die Habsburgermonarchie war bei beiden Gelegenheiten ein zentraler Akteur, der Hl. Stuhl aber nur ein Subjekt der europäischen Politik. Auch innenpolitisch war die katholische Kirche durch die Modernisierung des Staatswesens seit dem Josephinismus in die Defensive geraten, die durch die Schwäche des Papsttums im Vormärz 1848 noch verstärkt wurde. Auch das Konkordat von 1855 war auf lange Frist gesehen nur ein Rückzugsgefecht, die liberale Gesetzgebung beendete formal die Sonderstellung der katholischen Kirche in der Habsburgermonarchie. Dazu im Widerstreit steht die Tatsache, dass nach 1848 diese verschlechterte Position des Hl. Stuhls in den Beziehungen zu den Staaten durch eine Stärkung der innerkirchlichen Machtstellung des Papsttums kompensiert wurde, wobei man sich der in den katholischen Ländern – und somit auch in der Habsburgermonarchie – nach wie vor bestehenden Volksfrömmigkeit und Autorität der katholischen Hierarchie bediente. Diese Entwicklung ist durch Quellen in den Archiven von Wien und Rom bestens dokumentiert. Während die Quellenbestände des österreichischen Außenministeriums im Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu einem großen Teil aufgearbeitet sind, gibt es im Hinblick auf die sich im vatikanischen Geheimarchiv befindlichen Quellenbestände der päpstlichen Diplomatie und der vatikanischen Kongregationen noch ein reiches Forschungsfeld

Die österreichisch-italienischen Beziehungen zwischen Risorgimento und Irredentismus

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Anhand der in Wien und Rom erhaltenen reichhaltigen diplomatischen Korrespondenz wird der Stellenwert des Irredentismus in den bilateralen Beziehungen ab den 1890er Jahren analysiert, wobei besonderes Augenmerk auf die Rolle der Diplomatie in den Konfliktlösungsstrategien gelegt wird. Darüber hinaus kann auf dieser Grundlage auch die Bedeutung der Aktivitäten nationaler Vereine für die (Innen-)Politik der beiden Länder eingeschätzt werden. Ab 1904 war zudem die über viele Jahre ungelöste Frage einer italienischen Universität in der Habsburgermonarchie ein zentrales Problem, das auch die bilateralen Beziehungen in Mitleidenschaft zog, ebenso wie die verstärkten Aktivitäten deutschnationaler Vereine im Trentino.
Abgesehen von den Quellenbeständen des k.u.k. Außenministeriums, die sich im Haus-, Hof- und Staatsarchiv befinden, und neben den Beständen der Archive der ehemaligen Länder der Habsburgermonarchie (Triest, Rijeka, Innsbruck), ist die nur zum Teil veröffentliche Dokumentation im Archiv des italienischen Außenministeriums (Farnesina) von größter Bedeutung. Zur Vervollständigung der Arbeit werden dann auch noch die Quellenbestände in den italienischen Staatsarchiven untersucht.

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